Kulturbetrachtung: Klammern am Klischee. Dschungelcamp und die Randgruppen

Es ist Winter und die Pisten sind verschneit. Nach fünf Stunden auf den Ski, deftigem Essen und dunklem tschechischem Bier kann man sich schon mal durch gesellig lauschige Zwischenmenschlichkeiten gemeinsam vor einem Hotelfernseher wiederfinden. Die Gruppendynamik ist gut mit dem Modell der Chaostheorie zu beschreiben und einen Schmetterlingsschlag später läuft auch schon RTL und das Dschungelcamp.

Staffel zwölf ist meine Staffel Nummer eins und (nicht ganz) unvoreingenommen freue ich mich auf das Experiment. Mollige Möpse machen Männchen und neben Schwulen dürfen auch Transgender vor die Cam. Ein Spektakel der C-Prominenz. Nicht nur die Stars, nein auch die Moderatoren nehmen sich mit einem geblinzelten Augenzwinkern nicht ganz so ernst. Doch das Blinzeln vor dem Augenzwinkern ist auch nötig. Schließlich müssen Schamestränen kaschiert werden – die gescheiterte Existenz schmerzt schon beim Zusehen.

Als Ski-Anfänger stürze ich oft und oft auch spektakulär. Was musste ich lachen, als unser Oberprofi sich endlich hinpackte! Skifahren ist wie Dschungelcamp: Es macht dann Spaß, wenn andere leiden. Und das ist zunächst einmal nicht schlecht. Wir alle haben schon als Kind über Dick und Doof oder Tom und Jerry gelacht. Ein Mann, der seinen Freund beim Umdrehen mit einer Dachlatte niederstreckt oder eine Katze, die von einer Maus gefoltert wird. Das kommt unerwartet, das ist witzig! Und wer liebt ihn nicht, diesen sozialen Würgereflex, wenn eine Desirée Nick schmatzend auf einem Känguru-Hoden lutscht (1).

Jede Geschichte und jedes Kunstwerk lebt vom Konflikt. Und jeder Konflikt hat im weiteren Sinne Leid für eine der kontrahierenden Seite zur Folge. Protagonist und Antagonist. Hell und Dunkel. Flächen und Kannten. Der sadistische Voyeur in uns leckt sich die Finger nach diesen Konflikten. Und jeder Krimi lebt von diesem kleinen Sadisten in uns, welcher sich – wenn auch mit einem Klecks Mitleid im Herzen – fragt was passiert, wenn ein Stephen King beispielsweise seine Hauptfigur mehrere Tage verlassen ans Bett fesselt, während ein Hund ihren verstorbenen Ehemann vor ihren Augen verspeist (2).

Das Leid der Anderen (der Kandidaten), das sei hier nochmal betont, sei in diesem Fall der Einfachheit mal als selbst gewählt angenommen. Obgleich monetäre Zwänge, vertragliche Verpflichtungen oder das Interesse am Interesse anderer einen in oben erwähnte Sendungen trieben, letztlich wäre es wohl möglich gewesen sich an den Hut zu tippen und was anderes aus seinem Leben zu machen. Das soll nicht bedeuten, dass bei grundsätzlicher Unzufriedenheit mit dem eigenen Job, beispielsweise beim oft zitierten diplomierten Taxifahrer, nicht auch Ansprüche die Berufswahl einschränkten. Gerade in Fällen einer Unzufriedenheit verschiebt das Argument „Na, dann mach halt was anderes!“ die Verantwortlichkeit auf Seiten des Unzufriedenen und erzeugt neben der Unzufriedenheit auch noch das Schuldgefühl nichts aus seinem Leben zu machen und sich unerreichbare Ziele zusetzen. Doch hier nehmen wir einfach mal an, dass alle Kandidaten auch hätten nein sagen können.

Von diesen Konjunktiven ausgehend verlassen wir den Sessellift der Annahmen und carven langsam zur Startlinie. Die Unterhaltung gründet sich also auf das Leid anderer und auf Ekel. Doch was ist nun dieser Ekel? Ekel lässt sich auf die Angst vor dem Tod und die Angst vor dem Zerfall des Körpers zurückführen (3). Diese Angst schützt den Menschen vor Infektionen und Krankheiten. Spinnen, Maden oder Schaben waren wohl vor Urzeiten für den Menschen gefährlich oder wurden als Indikator für verdorbene Nahrung erkannt. Und was macht es für einen Spaß, wenn man anderen dabei zusieht, wie sie eben solche Tiere essen müssen. Oder noch besser, wenn man ihren Ekel sieht, wenn man selber zum Beispiel eine Made isst. Beide Elemente der Unterhaltung, der Ekel und die Schadenfreude, unterstützen neben vielen weiteren (hier ignorierten) Elementen den vorangegangenen Erfolg von elf Staffeln Ich bin ein Star. Vielleicht sei noch die Angst vor dem Unbekanntem erwähnt. Gewohnheit lässt und alles ertragen, denn wer hat sich nicht schon mal zunächst vor dem Hotelpool geekelt doch nach zwei Wochen seligem Dauerschwimmen war dann auch die letzte anfängliche Herpesblase wieder in der Routine vergessen.

Der Ekel entsteht durch die Verletzung des fünften moralischen Grundwertes Reinheit. Nach Jonathan Haindt beschreibt die moralische Verpflichtung zur Reinheit (purity/sanctity) die Kontrolle über die Reinheit des Körpers an sich, die sexuelle Reinheit, die Reinheit der ideologischen Orientierung oder die Reinheit in der Nahrungsauswahl (4). Reinheit alt meist direkt etwas mit dem Körper zu tun. Wobei konservative Menschen Reinheit eher sexualisieren, sind Progressive eher bei der Nahrungsaufnahme an Reinheit interessiert. Klasse für das Dschungelcamp! Man kann sich nicht nur als vor Kakerlaken sondern auch vor Schwulen ekeln!

Und hier beginnt die zuvor möglichst neutral gehaltene Beobachtung wertend zu werden. Es geht um das Storytelling. Der vom Zuschauer empfundene Ekel und die Schadenfreude hängen maßgeblich von der Sympathie mit den Darstellern zusammen. Kann der Zuschauer sich mit der DarstellerIn identifizieren, überwiegt der mitfühlende Ekel bei einer ekelhaften Prüfung. Ist die Identifikation weniger groß, überwiegt die Schadenfreude. Das ist Storytelling und klappt auch bei Game of Thrones super. Alle (außer Barney) hassen diesen kleinen Drecksack Joffrey. Und das zurecht! Doch bei GoT verkörpert der Darsteller von Joffrey eine Rolle in einer Geschichte, in der die Konflikte durch die Handlung entstehen und das Figurenverhalten im Vordergrund steht. Wir verachten Joffrey, weil wir sein Verhalten verachten, und nicht das verachten, was er ist (beispielsweise ausgedrückt durch seine Gruppenzugehörigkeit). Beim Dschungelcamp besteht der Konflikt weniger auf narrativer (erzählerischer) Ebene. Der Konflikt ist nicht story- sondern charaktergetrieben. Und er bekommt durch die Abstimmungen der Zuschauer über die Prüfungen der Kandidaten einen ludischen (spielerischen) Einstich. Es entsteht geradezu eine Abscheu vor dem objektivierten Darsteller als Mensch. Der Zuschauer bekommt nicht die Möglichkeit gegen den Kandidaten als Figur, sondern gegen ihn als Mensch zu voten.

In meiner ersten Stunde als Zuschauer (viel länger als bis zum Fallschirmsprung habe ich es nicht ausgehalten) fühlte ich mich immer wieder an Peter Bieris Buch Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde erinnert (5). Relativ am Anfang berichtet Bieri, wie er auf einer Kirmes einen Stand mit Zwergenwerfern sieht. Hier werden Menschen mit Kleinwuchs von großen Männern geworfen. Bieri sieht sich die Show an und ist entsetzt.

„Der geworfene Zwerg wird als bloßer Körper behandelt, als Ding. (…) Man lässt außer Acht, dass er auch ein Subjekt ist. Dadurch wird er auf einen bloßen Gegenstand, auf ein Ding, reduziert, und in dieser Verdinglichung liegt der Verlust der Würde.“

Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde (6)

Hier lässt sich eine Parallele zum Dschungelcamp aufzeigen. Nach Bieri ist eine mögliche Denifition der Würde das Recht nicht gedemütigt zu werden. Die Demütigung ist neben der Willkür demnach ein mögliches Element, welches zum Verlust der Würde führen kann. Obwohl die angenomme Freiwilligkeit der Teilnahme der Kandidaten die Demütigung und die Willkür als Würdenfeinde entkräften, so sehe ich die Würde dennoch durch die Objektivierung der Kandidaten in Gefahr. Dies ist vielleicht das schwächste Argument, doch manchmal macht auch eine Tiefschneefahrt Spaß.

Nicht nur die Kandidaten werden der Gefahr ausgesetzt Negativerfahrungen in ihrer eigenen Würde zu machen. Bieri spricht von Würde als Lebensform. Diese habe drei Dimensionen:

  1. Wie behandeln mich andere?
  2. Wie stehe ich zu anderen?
  3. Wie stehe ich zu mir selbst? (5)

Alle drei Dimensionen sehe ich beim Dschungelcamp tangiert. Neben der oben erwähnten relativ wacklig argumentieren Dimension 1 (Wie behandeln die Zuschauer die einzelnen Kandidaten ) sind Dimensionen 2 und 3 zumindest zu hinterfragen. Als Zuschauer stellte ich mir unweigerlich die Frage: Wie stehe ich zu den Kandidaten? Ist die Erfahrung, welche ich als Zuschauer mache, mit einer Lebensform in Würde in Einklang zu bringen? Welche Position nehme ich gegenüber den Kandidaten ein? Sehe ich diese noch als Subjekt? Als Mensch? Stellen wir nur fest, oder lästern wir schon? Lassen wir auch diesen Punkt lieber offen. Ah, da kommt die Pistenwache und führt uns aus dem Tiefschnee zurück in die Loipen.

Das eigentliche Problem der Sendung ist die Bedienung von Stereotypen, welche unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten abzulegen versucht. Stereotypen, welche mehr Unfreiheit verursachen, als Freiheit zu erhalten. Es wird ein veraltetes Frauenbild vermittelt, Homosexualität wird durch übersteigerte Darstellung und Kommentare als sonderbar gezeigt. Damit die Gags über die Kandidaten nicht all zu derbe wirken, machen die Moderatoren auch mal ’nen Spaß über die Sendung und sich selbst. So fällt das Lästern noch leichter. Der Alltagsgutmensch wird zum herablassenden Saisonpöbler. Die Sendung will polarisieren und schafft es. Ich habe die Medienauftritte von Giuliana Farfalla nicht verfolgt und kann nur die Stunde Dschungelcamp als Quelle aufweisen. Hier wurde ihre Transsexualität relativ neutral dargestellt, verkommt aber durch den Rahmen des Ekels zu einem weiteren Freakstein im RTL-Mosaik. In der künstlichen Überzeichnung der Kandidaten und dem Aufzeigen von Sonderbarkeiten durchzieht sich das Motiv Ekel durch die komplette Sendung. Ein Ekel vor Insekten, Ekel vor fremder Sexualität, Ekel vor dem anderen Geschlecht – der Ekel vor sich selbst als Zuschauer. Dieser Ekel bestätigt Vorbeurteilungen und verfestigt Vorurteile. In der vereinfachten Darstellung von Gruppen in unserer Gesellschaft liegt die Schwäche der Sendung. Das Klischee wird zur Story, der Ekel zum Stilmittel, die Würde zum Spielball. Der Mensch zum Produkt.

Quellen.

(1) https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kaenguru-hoden-alarm-im-dschungelcamp-it-s-time-to-eat-kangaroo-nads.4cfbcf24-2a0e-4e77-8312-f36096e2155a._amp.html, abgerufen 20.01.2018

(2) Stephen King: Das Spiel, Wilhelm-Heyne-Verlag, 1992, München

(3) C. R. Cox, J. L. Goldenberg, T. Pyszczynski, D. Weise: Disgust, creatureliness and the accessibility of death-related thoughts. In: European Journal of Social Psychology. Band 37, Nr. 3, 1. Mai 2007, S. 494–507,

(4) https://www.ted.com/talks/jonathan_haidt_on_the_moral_mind, abgerufen 22.01.2018

(5) Peter Bieri: Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde, Carl Hanser Verlag, 2013

(6) http://oe1.orf.at/artikel/361391, abgerufen 23.01.2018

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